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Grußwort Bischof Stäblein

Bischof Dr. Christian Stäblein (Foto: S. Würst)
Bischof Dr. Christian Stäblein (Foto: S. Würst)

Jahreslosung 2022


Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Johannes 6,37
 

Nur 300 Meter von dem Haus meiner Kindheit gab es einen Bolzplatz. Für die 70er Jahre modern hatte er Mörtelkalkuntergrund. Bei gutem Wetter staubte man ein, bei Regenwetter verteilte sich graue Schliere auf den Klamotten.

Ich brachte also viel zum Waschen mit nach Hause, denn ich war, als ich um die 10 Jahre alt war, praktisch jeden Nachmittag auf diesem Bolzplatz. Meist spielten Größere, manchmal nur zwei, manchmal über zwanzig. Ich war der Kleinste. Wenn ich kam, stand ich am Zaun, hoffte mitzuspielen. Wartete auf den Satz: Willst Du mitmachen? Irgendwann, meist schon bald, war es so weit. Ich spielte mit. Der Kleinste. Aber glücklich.

Das ist für mich die Grunderfahrung dieser Nachmittage: Mittendrin sein. Nicht abgewiesen werden. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich einmal nicht mit grauen Hosen von Mörtelkalk, ein paar Schrammen und ziemlich zufrieden nach Hause gegangen wäre.

 

Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.

Der Sport ist in der Breite eine der wunderbaren Umsetzungen der Jahreslosung für das kommende Jahr. Niemand wird abgewiesen.

Nicht am Bolzplatz meiner Kindheit. Nicht bei den kleinen und großen Sportveranstaltungen in Stadt und Land.

Handicaps werden ausgeglichen. Als Erstklässler kam ich in einen Tischtennisverein. Leider konnte ich noch nicht recht über den Tisch gucken. So wurden mehrere Matten auf meine Seite gelegt, zwei, drei, damit ich auch die Fläche hinter dem Netz sehen konnte. Und ich bekam einen Spitznamen: Mini. Mini Stäblein. So nannten sie mich auch noch, als ich längst erwachsen war. Es blieb der Ehrenname für den einen Umstand: Handicaps werden unterstützt, abgewiesen wird niemand.

Der Sport hat hier sein Fundament: in der Gemeinschaft, die niemanden ausschließt. Das ändert sich auch da nicht, wo das Leistungsprinzip vorne steht. Der fröhliche Wettbewerb ist oft ja die innere Regel des Sporttreibens.

Die umfassende Basis aber ist eine große Inklusion. Auf diesem Fundament – und nur darauf – macht das Ringen um Gewinnen und Verlieren Spaß – und Sinn. Ich gewinne gern. Und ich bin froh, den Sport stets als

Training im Verlieren-Können erlebt zu haben.

 

Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.

Sagt Jesus. Und weiß sich dabei mit Gott eins. Gott gibt niemanden verloren. Das ist eine große Botschaft, zu allen Zeiten. In unserer Zeit vielleicht noch mal besonders.

 

Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.

Diese Jahreslosung für 2022 fällt in eine Zeit, in der das Leben durchdrungen ist von Fragen der Teilhabe. An den Grenzen Europas etwa. Gilt hier noch die Kultur der Barmherzigkeit – oder gehen die Werte Europas im Mittelmeer unter?

 

Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.

Man kann aus Jesu Botschaft gewiss nicht ein unmittelbares politisches Programm machen. Aber unsere Haltung lässt sich dadurch bestimmen: Wir leben davon, dass wir nicht abgewiesen werden. Also kann das Herz weit sein.

Teilhabe ist die große Frage unserer Zeit. Im Blick auf die sicher auch im neuen Jahr nicht gänzlich hinter uns

liegende Pandemie: Kinder dürfen nicht wieder ausgeschlossen werden. Über sie haben wir in den letzten zwei

Jahren zu lange hinweg gesehen – sie waren ausgeschlossen von Bildung, ausgeschlossen auch vom Sport.

Inklusions- und Exklusionsdebatten bestimmen mehr denn je unseren Alltag. Da kommt die Jahreslosung gerade recht.

 

Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.

Ein Satz Jesu für religiöse, ja geradezu himmlische Weite. Es ist der Himmel, den Jesus in diesen Worten im Blick hat. Es geht um die Begegnung, den Zugang zu Gott. Gott kennt keine Vorbedingungen. Wer zu Gott kommt, dem steht die Tür offen.

Jetzt schon.

Das sind große Worte – und vermutlich haben wir alle eine Ahnung und auch eine Sehnsucht, wie sie im Großen und Ganzen des Lebens ihren Platz bekommen könnten. Die Umsetzung findet allerdings oft im Kleinen des Alltags statt. Am Zaun auf dem Bolzplatz. Es gibt vielleicht kaum eine schmerzhaftere Erfahrung, als nicht

mitspielen zu können. Und es gibt wenig Schöneres als den Satz: He, spielst Du lieber Abwehr oder Angriff? Egal. Spiel vor allem mit. –

 

Ein gesegnetes Jahr 2022 wünsche ich Ihnen.

Bischof Dr. Christian Stäblein